Expertenfahrt nach Wien – Erfahrungsaustausch von Ausbildenden im Bäcker- und Konditorenhandwerk

Vom 5. bis 9. März 2018 unternahm eine Delegation aus Fachlehrkräften und Ausbildenden eine Studienreise nach Wien, um sich über die duale Ausbildung im Nachbarland zu informieren, bestehende Kontakte zu vertiefen und neue gemeinsame Projekte zu planen. Die Teilnehmenden waren Carolin Fütterer, Anja Robben, Serap Yildirim und Jürgen Wünneker (G3) sowie Björn Hesse (Bäckerei/Konditorei Hesse, Lüneburg), Wolfgang Heyderich (Konditorei/Café Heyderich, Stade), Falk Hocquél mit Aksana Schmidt (Café Schmidt & Schmidtchen, Hamburg) und Dr. Frauke Meyer, Koordinatorin der G3 für das Austauschprogramm Erasmus+.

Auf dem Programm standen zum einen Besuche bei Institutionen der dualen Berufsausbildung, zum anderen Besichtigungen unterschiedlicher Handwerksbetriebe.

Internationaler Fachkräfteaustausch

Die erste Station bildete am Ankunftstag ein Treffen bei IFA (Internationaler Fachkräfteaustausch), dem Kooperationspartner der G3. Bereits seit 2013 bestehen enge Kontakte zwischen den beiden Städten. Bei den Azubis des Konditoren- und Bäckerhandwerks sind Praktika in Wien sehr begehrt. Das Welcome-Meeting bot erste Gelegenheit, sich über bisherige und zukünftige Projekte auszutauschen.

Am Nachmittag des nächsten Tages informierte Magistrat Reichenbach von der Wirtschaftskammer Österreich über die duale Berufsbildung in Österreich. Dabei ging er besonders auf die Rolle der Ausbildenden und das Prüfungswesen im Nachbarland ein

Integrative Berufsausbildung

Am nächsten Morgen stand ein Besuch der JAW (Jugend am Werk) auf dem Programm. Die JAW bietet eine integrative Berufsausbildung an. Ihr Leitgedanke: „Wir bieten jungen Menschen eine hochwertige berufliche Ausbildung, fördern soziale Kompetenzen und stärken ihre Selbstverantwortung auf ihrem Weg zu einem unabhängigen und selbstbestimmten Leben.“

Der Bäckerei-Lehrbetrieb ZOBA (Zukunftsorientierte Berufsausbildung) bildet im Auftrag des Arbeitsmarktservice Wien junge Menschen aus, die auf dem Arbeitsmarkt keine Ausbildung gefunden haben. Der theoretische Unterricht findet in der Berufsschule statt. Im eigenen Verkaufsraum werden die Produkte von Menschen mit Beeinträchtigung verkauft.

 

 

Berufsschule für Bäckerei und Konditorei

Ein Besuch der Berufsschule war für den vierten Tag der Reise geplant. Die Ausbildungen im Bäcker- und Konditorenhandwerk finden an der Berufsschule für Lebensmittel, Touristik und Zahntechnik statt, während die Lehre zur/m Fachverkäufer/in in Österreich zum Einzelhandel gehört. Die Gäste aus Hamburg besuchten den Praxisunterricht in den Werkstätten, wo die angehenden Bäcker gerade Plunder und Kaisersemmeln herstellten und die Konditoren Marzipan verarbeiteten. Auf dem Dach ihres Schulgebäudes hat die Berufsschule eigene Bienenvölker angesiedelt, deren Honig sie auch selbst vermarktet.

 

Berufsinformation der Wiener Wirtschaft

Das BIWI bildete die letzte Station des institutionellen Besuchsprogramms. Referatsleiter Andreas Philipp berichtete über die Berufsinformation für Lehrlinge und Schüler der allgemeinbildenden Schulen, die Lehrlingsauswahl der Unternehmen und Testverfahren.

 

 

Von der K.u.K. Hofkonditorei zum Holzofenbäcker

Die Auswahl der besichtigten Handwerksbetriebe zeigte das weite Spektrum des Bäcker- und Konditorenhandwerks in Österreich und speziell in Wien, das ähnlich wie das in Deutschland auf eine lange Tradition zurückblickt und zugleich offen ist für neue Trends.

Der erste Besuch galt am Dienstag, dem zweitenReisetag, der K.u.K. Hofzuckerbäckerei L. Heiner. 1840 als Bäckerei gegründet, entwickelte sich der Betrieb in den folgenden Jahren zu einer Konditorei mit Café, die auf traditionelle Weise handwerklich hochwertige Produkte herstellt. Bei einem Rundgang durch die Konditorei gewährte Backstubenleiter Herr Krappel den Besuchern aus Hamburg Einblick in die verschiedenen Posten der Produktion.

Am nächsten Tag besuchte die Gruppe zunächst die neue Produktionshalle der Kurkonditorei Oberlaar, wo eine große Auswahl an Pralinen zur Verkostung angeboten wurden, und dann die Holzofenbäckerei Gragger, die Mischbrote, Kleingebäcke und Feinbackwaren überwiegend in Handarbeit und aus Bio-Rohstoffen herstellt.

Die Bäckerei Felzl lud am Donnerstag in ihr modern eingerichtetes Café, den Verkaufsraum und die Backstube ein. Zur Verkostung und Stärkung reichten die Gastgeber süße und herzhafte handgemachte Snacks sowie Kaffee-Spezialitäten. Die rustikalen italienischen Spezialitäten sorgten bei den Gästen aus Hamburg für viel Anerkennung.

Einen großen Kontrast dazu bildete das elegante Ambiente des traditionsreichen Hotel Sacher, wo die Gruppe anschließend zur Besichtigung von Konditorei und Küche verabredet war. Auch einige der luxuriösen Räume des Hotels wurden den Besuchern gezeigt.

Wiederum ein ganz anderes Konzept verfolgt die Simply Raw Bakery. Hier werden vegane Kuchen, Torten, Cupcakes und Mehlspeisen entweder im Dörrgerät bei maximal 42 °C getrocknet oder im Backofen bei max. 50 °C und geöffneter Ofentür sanft erwärmt. So bleiben nicht nur die Vitamine und anderen Nährstoffe, sondern auch der intensive ursprüngliche Geschmack erhalten.

 

 

Vorbereitung auf den Gegenbesuch aus Wien

Neben dem offiziellen Besuchsprogramm blieb noch Zeit für Stadtbesichtigungen. Die Gruppe besuchte den Naschmarkt, das Schloss Bellevue, die Karlskirche und die Innenstadt mit ihren vielen berühmten Bauwerken.

Nun ist für September 2018 der Gegenbesuch einer Expertengruppe aus Wien geplant, um über die duale Ausbildung in Deutschland zu informieren und als Gastgeber das kulturelle und kulinarische Hamburg zu präsentieren. Außerdem gibt es Überlegungen, Auszubildenden ein Betriebspraktikum in Hamburg zu ermöglichen.

„Die zurückliegende Expertenfahrt war für uns alle eine sehr informative und interessante Reise“, erklärt Abteilungsleiter Berufsschule Jürgen Wünneker. „Wir danken allen Organisatoren und Gastgebern für die herzliche Aufnahme und die vielen wertvollen Einblicke in das Berufsbildungssystem unseres Partnerlandes und freuen und auf die weitere Zusammenarbeit.“